Lebenswille

Hermann Hesse (1877 – 1962) – Gestutzte Eiche (1919)

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!


Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Rohheiten neu die Stirn ins Licht.


Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,


Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.“

Alles Leben ist Leiden. So die erste edle Wahrheit des Buddhismus, welchem Hermann Hesse nahestand. Dabei kann das Leid im menschlichen Leben schon früh beginnen. Schon die Wurzeln können keinen nahrhaften Boden finden oder in einem viel zu engen Topf nicht gedeihen. Kindheit und Jugend können durch den Machtmissbrauch von Erziehungsberechtigten geprägt sein, indem sie das heranwachsende Bäumchen beschneiden, anstatt es treiben zu lassen.

Im Erwachsenenalter führen innere und äußere Einflüsse das Leiden fort – oftmals potenziert durch das fragile Wurzelwerk der Kindheit.

Neben dem Leiden im Leben führt Hesse aber noch einen weiteren, viel wichtigeren Aspekt hinzu: Dass man sich nicht von der Vergangenheit begraben lassen darf und seinen Blick mit Optimismus und Lebenswille nach vorne richten muss. Trotz alledem.

Der Setzling des Ginkgobaums, aus dem 20 Jahre später dieses Kunstwerk entstand, stammt aus Weimar. Goethe verfasste 1815 in dieser Stadt sein Gedicht „Ginkgo biloba“, welche seitdem mit dieser Urpflanze in Verbindung gebracht wird.


Was in mir weich und zart gewesen, hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,

doch unzerstörbar ist mein Wesen, ich bin zufrieden, bin versöhnt.“

(aus: Gestutzte Eiche –
Hermann Hesse)

Weitere Bilder

Zurück zu allen Werken