Orientierung
Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929) – Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes (1902)
Jedermann, so der Name des Hauptprotagonisten dieses gleichnamigen Theaterstückes, lebt ein gottesfernes Leben, in welchem Frauen, Geld und ausschweifende Partys im Mittelpunkt stehen.
Erst als der Gevatter Tod ihm erscheint und ihn mit sich nehmen möchte, muss er erkennen, dass niemand seiner Freunde für sein Leben bürgt und er allein ist. Niemand steht ihm bei, auch nicht Mammon, der Reichtum, dem er sein bisheriges Leben unterworfen hat. Ganz im Gegenteil: Mammon führt Jedermann vor und spiegelt ihm, dass er sich von ihm wie eine Marionette durch das Leben führen ließ:

Februar 2023
Höhe m. Sockel: 36 cm
„Fällt aber in die Truhen zurück
Und damit ist zu End dein Glück.
Bald werden dir die Sinn vergehen,
Und mich wirst nimmer wiedersehen.
War dir geliehen für irdische Täg,
Und geh nit mit auf deinem Weg,
Geh nit, bleib hier, laß dich allein,
Ganz bloß und nackt in Not und Pein.
Ist alls um nichts dein Handausrecken
Und hilft kein Knirschen und Zähneblecken,
Fährst in die Grube nackt und bloß,
So wie du kamst aus Mutters Schoß.“
Jedermann muss sterben. Allerdings bekennt er sich im letzten Moment zum Glauben und zur Hoffnung, welche ihn vor einem Dasein in der Hölle bewahren.
Die Hand des Gevatters, welche einen Kompass hält, bildet die Endlichkeit unseres Lebens und die Orientierung der eigenen Lebensführung ab. Bis zum letzten Tag können wir neu entscheiden, wie wir unsere Kompassnadel ausrichten, bevor wir sterben werden.
Aber was gibt uns im Leben Orientierung? Wonach richten wir es aus? Was gibt dem Leben einen nachhaltigen Sinn? Bin ich zufrieden mit meinem Dasein oder muss ich meine Kompassnadel neu justieren?
Die Entscheidung für eine Neuorientierung ist oftmals nicht einfach und erfordert Mut und Willenskraft. Du musst vielleicht alte, eingefahrene und liebgewonnene Wege verlassen. Den Sprung in das Unbekannte wagen. Neu lernen zu schwimmen. Eben die Kompassnadel neu ausrichten. Oder mit den Worten Rainer Maria Rilkes gesprochen:
„Du musst dein Ändern leben“.
„Nun hat er vollendet das Menschenlos, tritt vor den Richter nackt und bloß,
und seine Werke allein, die werden ihm Beistand und Fürsprech sein.“
(aus: Jedermann –
Hugo von Hofmannsthal)
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