Wachstum

Hermann Hesse (1877 – 1962) – Stufen (1941)

Stufen, dargestellt durch Leitern, welche einen mit dem anderen Raum verbinden; Räume, die nach oben immer größer, heller und offener werden: Diese beiden Elemente bilden die Hauptbestandteile meiner Interpretation Hermann Hesses Stufengedicht.

Es sind Bilder lebenslangen Wachsens, die Hesse in seinem wohl bekanntesten Gedicht skizziert. Und sie sollen uns Mut geben, alte, eingefahrene Wege zu verlassen, um unserem Leben neue Impulse zu geben und uns dadurch immer weiter wachsen zu lassen.

Die sich mehr und mehr öffnenden Räume enden dabei nicht mit dem Tod, sondern – wer kann es wissen? – der letzte Raum gleitet nach oben in die unendliche Weite ewigen Seins:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend,
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern,
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde,
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.“

(aus: Stufen – Hermann Hesse)

Weitere Bilder

Zurück zu allen Werken